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Arbeitsgruppe „L-Welse“ des BSSW
04.10.2008, 10:15 (Dieser Beitrag wurde zuletzt bearbeitet: 06.10.2008 21:59 von Andreas Tanke.)
Beitrag: #1
Arbeitsgruppe „L-Welse“ des BSSW
Eine wichtige Aufgabe des BSSW ist die Erhaltung von Fischarten für die Aquaristik durch Nachzucht. Wir haben das Glück, viele erfahrene und erfolgreiche Züchter von Zierfischen in unseren Reihen zu haben, die in dieser Beziehung wirklich so einiges bewegen können. Besonderes Augenmerk sollte dabei auf die Fische gelegt werden, die nur selten oder überhaupt nicht mehr im Handel verfügbar sind, um die Diversität an Arten in unseren Aquarien erhalten zu können.
In den vergangenen Monaten haben sich leider gerade bei den im BSSW so populären „L-Welsen“ aus der Familie der Harnischwelse besondere Exportbeschränkungen aus dem Heimatland Brasilien ergeben. Bislang war der Export von Zierfischen aus Brasilien durch eine Positivliste aus dem Jahr 2005 mit insgesamt 180 Arten geregelt. Offiziell durften schon seit geraumer Zeit nur diejenigen Arten gehandelt werden, die auf dieser Liste aufgelistet wurden. Allerdings gelang den Exporteuren bislang die Ausfuhr der meisten „L-Welse“ mit wenigen Ausnahmen (z. B. der Zebrawels Hypancistrus zebra) problemlos, wenn sie als eine Fischart deklariert wurden, die auf der Positivliste stand. Da die „L-Welse“ einen nicht unerheblichen Anteil an den Fischexporten aus Brasilien ausmachen, hat die brasilianische Naturschutzbehörde IBAMA mittlerweile besonderes Augenmerk auf diese Fischgruppe gelegt. Die Kenntnis der einzelnen Arten wird auch in Brasilien immer größer und so fanden in den vergangenen Monaten bei einigen Fangstationen in Amazonien Razzien statt, bei denen untersucht werden sollte, ob illegale Zierfischexporte erfolgen. Und so wurden zahlreiche Harnischwelse der Gattungen Hypancistrus, Panaque und Pseudacanthicus bei den Fangstationen beschlagnahmt und es wurden den Betreibern empfindliche Strafen auferlegt.
Dieses hatte unmittelbar zur Folge, dass mittlerweile verschiedene L-Welse von den Stocklisten der brasilianischen Exporteure vollständig verschwunden sind, da sich die Exporteure nicht mehr trauen, diese zu handeln. Wir müssen deshalb leider damit rechnen, dass für diese Arten auch auf Dauer Exportbeschränkungen bestehen bleiben. Derzeit findet man so gut wie keine Vertreter der Gattungen Hypancistrus, Panaque und Pseudacanthicus mehr auf brasilianischen Stocklisten. Allerdings scheinen diese Exportbeschränkungen derzeit noch nicht konsequent kontrolliert zu werden, denn beispielsweise die Hypancistrus-Arten aus dem Rio Tapajós, L 260 und L 262, sowie L 270 aus dem Rio Curuá-Una scheinen immer noch verfügbar zu sein. Panaque-Arten fehlen auf den Stocklisten der Exporteure mittlerweile völlig, die kleineren Panaqolus, die seitens einiger Ichthyologen ja auch als Panaque betrachtet werden, dürfen derzeit jedoch offensichtlich noch gehandelt werden. Pseudacanthicus leopardus sowie der ähnliche L 114 aus dem Rio Demini werden sicherlich auch weiterhin ausgeführt werden dürfen, da P. leopardus auf der Positivliste steht. Offiziell dürfen derzeit noch folgende L-Welse aus Brasilien ausgeführt werden:

# Nome Científico Nomes Vulgares
5 Ancistrus sp. Acari, Cascudo, Bodó
21 Baryancistrus sp. Acari, Cascudo, Bodó
80 Dekeyseria pulcher Acari, Cascudo
101 Hopliancistrus tricornis Acari, Cascudo
103 Hypostomus sp. Acari, Cascudo
108 Leporacanthicus galaxias Acari, Cascudo
109 Leporacanthicus joselimai Acari, Cascudo
136 Oligancistrus punctatissimus Acari, Cascudo
142 Parancistrus aurantiacus Acari, Cascudo
145 Peckoltia spp. Peckoltia
152 Pseudacanthicus leopardus Assacu-Pintado
169 Scobiancistrus sp. Acari, Cascudo, Bodó
172 Spectracanthicus murinus Acari, Cascudo


Dass einige Arten, die nicht auf dieser Liste stehen, derzeit immer noch zu uns gelangen, haben wir sicherlich der Tatsache zu verdanken, dass man sich bei der IBAMA bislang noch nicht so gut mit diesen Tieren auskennt, um sie unterscheiden zu können. Dieses kann sich jedoch schnell ändern. Zwar hat die IBAMA eine Überarbeitung ihrer Positivliste und die Erweiterung um einige Arten angekündigt. Wann eine überarbeitete Liste jedoch erscheinen wird und welche Arten zusätzlich darauf enthalten sein werden, ist derzeit völlig ungewiss. Weiterhin ist bei einigen seltenen L-Welsen, für die gar keine Exportbeschränkungen bestehen, ebenfalls ein Ausbleiben neuerlicher Importe zu befürchten. Die goldenen Zeiten des Zierfischhandels in Brasilien sind leider vorbei und es ist somit in den vergangenen Jahren zu einer drastischen Verringerung der Anzahl der Exporteure gekommen. Während früher Expeditionen in abgelegene Fanggebiete von den brasilianischen Exporteuren oder häufig sogar von deutschen Großhändlern vorfinanziert wurden, ist so etwas heutzutage aufgrund der überall steigenden Kosten kaum noch denkbar. Folglich werden in Zukunft sicherlich noch zahlreiche weitere L-Welse, die eigentlich importiert werden dürften, als Wildfänge nie wieder in den Handel gelangen. Auch solche Arten sollten im Rahmen dieser Arbeitsgruppe als besonders schützenswert eingestuft werden. Weiterhin sollten auch Arten so eingestuft werden, die zwar gar nicht aus Brasilien stammen, aber für die auch keine oder kaum Importe zu erwarten sind. Ich denke da beispielsweise an den Blauaugen-Panaque (Panaque cochliodon) aus Kolumbien, der nur ausgesprochen selten eingeführt wird, da sein Vorkommensgebiet weitestgehend von der Guerilla kontrolliert wird.
Deshalb sollten wir zunächst einmal vom schlimmsten Fall ausgehen, dass nämlich keine Neuimporte dieser Arten mehr zu erwarten sind, unsere Kräfte bündeln und versuchen, die in unserem Arbeitskreis vorhandenen Arten für uns und zukünftige Generationen von BSSWlern zu erhalten. Im Moment sind noch sehr viele Exemplare der betroffenen Arten in unseren Reihen vorhanden, so dass wir durch schnellstmögliches Handeln versuchen sollten, durch Vermittlung und Austausch dieser Tiere Zuchtpaare und –gruppen zusammenzuführen. Mit diesem Ziel wurde auf der Jahreshauptversammlung des BSSW in Gütersloh am 20. September 2008 eine Arbeitsgruppe „L-Welse“ ins Leben gerufen. Neun aktive Mitglieder haben sich deshalb dort zusammengesetzt, Ideen ausgetauscht und beraten, wie man weiter vorgehen könne. Da ich als Mitarbeiter im Zierfischgroßhandel den bestmöglichen Überblick über diejenigen L-Welse habe, die derzeit noch aus Brasilien gehandelt werden, habe ich mich bereit erklärt, zunächst einmal die Koordination dieser Gruppe zu übernehmen. Die Gespräche zwischen den Teilnehmern der Gesprächsrunde waren sehr fruchtbar und es wurde folgendes Vorgehen beschlossen:
  1. Es wird eine Artenliste der im Bestand in unseren Aquarien bedrohten Arten erstellt, die keineswegs statisch ist, sondern ständig aktualisiert werden kann und sollte, sobald wieder neue Erkenntnisse vorliegen. Wer eine weitere Art für besonders bedroht hält, kann ihre Aufnahme in die Artenliste vorschlagen. Ob die Aufnahme dann wirklich sinnvoll ist, wird dann von den Funktionsträgern innerhalb der Arbeitsgruppe beraten.
  2. In regelmäßigen Abständen sollten Bestandsmeldungen erfolgen (1x je Quartal). Unser BSSW-Freund Stefan K. Hetz erarbeitet zu diesem Zweck eine Meldedatei im pdf-Format, die jedem Aquarianer, der an unserer Arbeitsgruppe teilnehmen möchte, per Email zugesendet werden kann. In diese pdf-Datei trägt der Teilnehmer seinen Namen, seine Email-Adresse sowie seinen Bestand an den besonders zu erhaltenden Arten ein. Durch Drücken eines Buttons „Senden“ wird die Bestandsmeldung an den BSSW übermittelt. Nach Ablauf des Quartals bekommt der Teilnehmer seine Datei mit seinem bisher gemeldeten Bestand erneut zugesendet und braucht von dort an immer nur noch die Veränderungen in seinem Bestand zu aktualisieren.
  3. Um die Arbeit in dieser Gruppe noch effektiver gestalten zu können, wurden Zuständigkeiten für bestimmte Fischgruppen festgelegt. Folgende Personen haben sich dabei bereit erklärt, Verantwortung für eine bestimmte Fischgruppe zu übernehmen:

    Gattung Verantwortlicher
    Hypancistrus Ralf Heidemann
    Panaque und Panaqolus Andreas Tanke
    Pseudacanthicus Volker Degutsch
    sonstige Ingo Seidel


    Diese Verantwortlichen versuchen, sich auch außerhalb des BSSW nach Aquarianern umzuschauen, die eventuell die betroffenen Arten noch pflegen oder sogar züchten und vermitteln Kontakte. Sie gelten als Ansprechpartner für die jeweilige Fischgruppe und informieren die an dieser Arbeitsgruppe beteiligten Personen regelmäßig über neue Informationen aus ihrem Zuständigkeitsbereich.
  4. Auf der Homepage des BSSW wird ein eigener Arbeitsbereich für die AG „L-Welse“ eingerichtet. Hier finden Interessenten alle nötigen Informationen und Ansprechpartner. Dort werden auch bald Steckbriefe zu allen betroffenen Harnischwelsen zu finden sein und auch die Registration sowie die Bestandmeldungen werden über die Homepage bald möglich sein. Alle diejenigen, die sich an der Arbeitsgruppe „L-Welse“ beteiligen möchten, werden über ein Internetforum regelmäßig über neue Erkenntnisse und Erfolge auf dem Laufenden gehalten.

Wenn auch Sie an der Arbeitsgruppe „L-Welse“ interessiert sind, so melden Sie sich baldmöglichst über die Homepage des BSSW für eine Mitarbeit an. Je früher wir und Sie etwas gegen das Artensterben in unseren Aquarien unternehmen desto größer ist die Aussicht auf Erfolg. Nur durch eine rege Teilnahme unserer Mitglieder aber auch Außenstehender wird es uns gelingen, so viele Arten wie möglich zumindest durch Nachzucht für die Aquaristik zu erhalten. Besonders bei einigen sehr groß werdenden Arten bestehen natürlich berechtigte Zweifel, ob es uns gelingen wird, diese in unseren Reihen zu erhalten. Wir sollten es jedoch dennoch versuchen, denn es hat sich bereits mehrmals gezeigt, dass durch einiges Engagement so ziemlich jede Fischart im Aquarium zu vermehren ist.

INGO SEIDEL
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